Weltenkontrast / Worlds Contrast

Die Stadt
Oskar Kanehl

I

Wie geile Tiere aneinander gedrängt,
steinerne Kasernen.
Aus einem Dachstuhl
steigt ängstlich und ungehörig
die Sonne.
Aufgespießt von einem Fabrikschornstein
und rußgeschändet
fällt sie zurück.
Maschinenlärmbetäubt
und stauberstickt
starben die Seelen
in Nacht.

II

Menschen wie Madengewimmel.
Ohne Schlaf. Eile! Eile!
Geschäft und Büro und Fabrik.
Hohle höhnende Augen,
brillenverdeckelt.
Fliegende Fleischlappen
an krüppligen Knochengerüsten.
Brustlose Frauen,
in Korsettpanzern hängend.
Schwangere.
Krankheit, Gier und Genuss.
Peststinkendes Elend.
Parfümierte Völlerei.
Verkommende Gotteskinder,
gehätschelte Abraummenschen.
Automobilhupen. Letzter
Schrei eines Überfahrenen.
Auflauf. Polizei.
Radfahrerklingeln.
Schnell vorüber. Ein Toter ist nichts.
Arbeit, Hunger.
Zerpresste Lippen.
Hunger, Arbeit.
Ein Sperling am Pferdekot.
Geld! - Geld! - Geld!

III

Drehorgel.
zweiter Hof.
Frühe Verdorbenheit.
Mädchengesichter, spitz
und wie blaugewordene Milch;
mit dicken gierigen
Lippen, Blutspur im Schnee.
Knaben, noch schulpflichtig,
zu früh zu Arbeit gehetzt
und Verbrechen.
Drehorgel.
Schieber der Minderjährigen.
Pass auf, du - mir wird
- wenn Mutter kommt ...!
Drehorgel
Bettelnder Aufblick.

IV

Auf dem Pflaster, drüber und drunter
eilen geschäftige
Triebwagenwunder.
Brückengewölbe sind wuchtig gespannt
über breite, schmutzige Wasser:
eine eroberunskühne menschliche Hand.
Steil in den Himmel
sticht Schlot an Schlot
wie ein Kriegslager gegen Gott.
Zäh und gehärtet in langer Glut
beherrscht ein trotzig Gehirn
Menschenblut.
The City


I

Pushed together like horny animals,
lithic barracks.
Out of a roof truss
rises anxious and indecent
the sun.
Pierced by a chimney
and soot desecrated
it is falling back.
Machine-noise-deprived
and dust-choked
the souls were dying
at night.

II

Men like maggots-swarms.
No sleep. Rush! Rush!
Business and Office and Work.
Hollow mocking eyes,
Glasses-masked.
Flying flesh-lobes
around crippled skeletons.
Breastless women,
suspended in corset-armors.
Pregnants.
Malady, greed and enjoyment.
Pest-stinking misery.
Parfumed gluttony.
Degnerated Children of God,
pampered overburden men.
Car horns. The last
Scream of a run-over. 
Crowd. Police.
Cyclist ringing.
By quickly. A dead one is nothing.
Work, hunger.
Squeezed lips.
Hunger, work.
A sparrow on horseshit. 
Money! - Money! - Money!

III

Hurdy-Gurdy.
second yard.
Early depravity.
Girls faces, peaky
and like milk turned blue;
with thick and greedy
lips, traces of blood in snow.
Boys, still of school age,
rushed to work too early
and misdoing.
Hurdy-Gurdy.
Pushers of minors.
Watch out, you - I will
- when mother shows up ...!
Hurdy-Gurdy.
Begging Look.

IV

On the pavement, above and below
ruhsing busy
Railcar-miracles.
Bridge vaults are massively stretched
over wide, dirty waters:
a conquering human hand.
Steep into sky
shoots stack for stack
like a warcamp against god.
Tough and hardened in long embers
a defiant brain dominates
human blood.

Schmetterlings zweifelnder Flügel / Hesitant Wings of Butterfly

Juli
Hans Böhm

Mit weißen Wolken Sommertag
Wie himmlisch du mich überblühst!
Es neckt der Wind mit lauem Schlag
Die Sonne wandelt hoch und grüßt.

Im Lindenbaume fällt und steigt
Der Biene dunkler Glockenton.
Geziefer webend mich umgeigt
So hör ich's tausend Jahre schon.

Und wie die Wärme jubelnd schwillt
Und flimmert über Feld und Au
Da fahr ich mit der Erde mild
Und golden in das Himmelsblau.
July


With white clouds the summerday
how heavenly you bloom on me!
Wind teasing me with balmy flap in play
The sun walks high and greets esprit.

In linden tree it falls and rises
The darkish chimes of bees.
Vermin weaving around me in sizes
For thousand years I'm hearing these.

How heat engorges jubilating
And glimmers over fields and meads
With mellow earth there I am driving
golden into skies blue leads.

Lebensmuster / Life Patterns

Du musst dir alles geben
Gottfried Benn

Gib in dein Glück, dein Sterben,
Traum und Ahnen getauscht,
diese Stunde, ihr Werben
ist so doldenverrauscht,
Sichel und Sommermale
aus den Fluren gelenkt,
Krüge und Wasserschale
süß und müde gesenkt.

Du musst dir alles geben,
Götter geben dir nicht,
gib dir das leise Verschweben
unter Rosen und Licht,
was je an Himmeln blaute,
gib dich in seinen Bann,
höre die letzten Laute
schweigend an.

Warst du so sehr der Eine,
hast das Dumpfe getan,
ach, es zieh schon die reine
stille gelöschte Bahn,
ach, schon die Stunde, jene
leichte im Spindellicht,
die von Rocken und Lehe
singend die Parze flicht.

Warst du der große Verlasser,
Tränen hingen dir an.
Und Tränen sind hartes Wasser,
das über Steine rann,
es ist alles vollendet,
Tränen und Zürnen nicht,
alles wogengeblendet
dein in Rosen und Licht.

Süße Stunde. O Altern!
Schon das Wappen verschenkt:
Stier unter Fackelhaltern
und die Fackel gesenkt,
nun von Stränden, von Liden,
einem Orangenmeer
tief in Schwärmen Sphingiden
führen die Schatten her.

Gabst dir alles alleine,
gib dir das letzte Glück,
nimm die Olivenhaine
dir die Säulen zurück,
ach, schon lösen sich Glieder
und in dein letztes Gesicht
steigen Boten hernieder
ganz in Rosen und Licht.
You have to give yourself everything


Give in your happiness, into your dying,
dreams and forefathers exchanged,
this very hour, its courting
is so much umble-swept,
crescent and summer mark souls
directed out of the fields ground,
jars and water bowls 
sweet and tired downed.

You have to give yourself everything,
gods do not give you a damn,
give yourself quiet abidance swing
within roses and lights engram,
whatever turned blue in the skies,
put yourself under its spell,
listen the last sounds rise
silently well.

You were so much this one dear,
you were acting the dull with force,
O, it moves already the sheer
quiet deleted course,
O, already the hour, this brief
in spindlelight slight,
which from distaff and fief
braids the thread of life rite.

You were the great deserter,
tears hung on you.
And tears are only hard water,
that ran across the rocks and through,
it is all accomplished perfectly,
neither tears and spite,
all is wave blinded merry,
your self in roses and light.

O ageing! Sweet hours.
Already gave away the crest:
Bull among torch holders 
and the torch suppressed expands,
now of beaches, of sands,
an orange sea
deeply in swarms sphingidands
lead the shadows to me.

You gave yourself all this alone,
now give yourself all the last bliss,
take the olive groves home,
take the columns back reminisce,
O, yet limbs are coming loose
and into your last face bright
messengers descend and induce
completely in roses and light.



Anverwandlung / Adaptation

Die Blaue Blume
Joseph von Eichendorff

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au'n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.
The Blue Flower


I am searching the blue flower,
I am seaching and do not find it,
I am dreaming that in this flower
My good fortune is just lit.

I am marching with my harp
Through countries, cities and meads,
To nowhere in this tour sharp I
Behold the blue flower concedes.

I am marching for a long time,
I was hoping, I was believing,
But O, yet nowhere did I 
Beheld the blue flower sing. 

Gestaltwandlung / Shapeshifting

Heiterer Frühling
Georg Trakl

1

Am Bach, der durch das gelbe Brachfeld fließt,
Zieht noch das dürre Rohr vom vorigen Jahr.
Durchs Graue gleiten Klänge wunderbar,
Vorüberweht ein Hauch von warmem Mist.

An Weiden baumeln Kätzchen sacht im Wind,
Sein traurig Lied singt träumend ein Soldat.
Ein Wiesenstreifen saust verweht und matt,
Ein Kind steht in Konturen weich und lind.

Die Birken dort, der schwarze Dornenstrauch,
Auch fliehn im Rauch Gestalten aufgelöst.
Hell Grünes blüht und anderes verwest
Und Kröten schliefen durch den jungen Lauch.

2

Dich lieb ich treu du derbe Wäscherin.
Noch trägt die Flut des Himmels goldene Last.
Ein Fischlein blitzt vorüber und verblaßt;
Ein wächsern Antlitz fließt durch Erlen hin.

In Gärten sinken Glocken lang und leis
Ein kleiner Vogel trällert wie verrückt.
Das sanfte Korn schwillt leise und verzückt
Und Bienen sammeln noch mit ernstem Fleiß.

Komm Liebe nun zum müden Arbeitsmann!
In seine Hütte fällt ein lauer Strahl.
Der Wald strömt durch den Abend herb und fahl
Und Knospen knistern heiter dann und wann.

3

Wie scheint doch alles Werdende so krank!
Ein Fieberhauch um einen Weiler kreist;
Doch aus Gezweigen winkt ein sanfter Geist
Und öffnet das Gemüte weit und bang.

Ein blühender Erguß verrinnt sehr sacht
Und Ungebornes pflegt der eignen Ruh.
Die Liebenden blühn ihren Sternen zu
Und süßer fließt ihr Odem durch die Nacht.

So schmerzlich gut und wahrhaft ist, was lebt;
Und leise rührt dich an ein alter Stein:
Wahrlich! Ich werde immer bei euch sein.
O Mund! der durch die Silberweide bebt.
Cheerful Spring


1

By the stream, that runs the yellow fallow so pure,
lives still the barren reed from previous year.
Through gray glide sounds so wonderfully and clear,
Passing by the breath of warm manure.

Willow catkins dangle gently the wind aloft,
Its sad song sings a dreaming soldier lull.
A meadow run is dashing drifty and dull,
A kid stands its contours gentle and soft.  

The birches there, the black thornbush mystique,
Also shapes flee in solution with dust.
Bright Green blooms others decays just
And toads sleep through the emerging leek.

2

You strong washer I love you faithful.
Still sky carries the flood of golden load.
A fish flashes by and pales slowed;
A waxen face flows the alders graceful.

In gardens bells sink long and quietly
A small bird warbles madly.
The mellow corn rises ecstatic and gently
And bees gather still busy seriously.

Come love towards the tired working man!
Into its hut chimes a pleasant beam again.
Wood streams through the evening tard and wan
And buds sizzle brightly now and then.

3

All becoming is this sick it seems!
A fever breeze just circles a hamlet;
But out of branches waves gentle spirit
And opes the mind wide for anxious themes.

A blooming gush in trickling gently flight
And the unborn fosters its own peace.
Towards the stars the loving flourish release
Their sweetest breath flows through the night.

So painfully good and truthful is, what lives;
And quietly an old stones touches your soul:
Forsooth! I will always be with your whole.
O mouth! that quivers white willows glyphs.